Ein Gedankenexperiment, das so einfach klingt, dass man sich fragt, warum es nicht längst Realität ist: Was wäre, wenn Pflegekräfte in Deutschland tatsächlich nur noch pflegerische Tätigkeiten übernehmen würden – und alles andere wegfiele? Keine Dokumentationsberge neben dem Bett, keine Hol- und Bringedienste, keine Reinigungs- oder Botengänge, die eigentlich nicht in ihren Beruf gehören.
Die Datenlage dazu ist überraschend eindeutig. Eine Untersuchung des Deutschen Krankenhausinstituts hat schon vor Jahren gemessen, wie viel Arbeitszeit im Krankenhauspflegedienst auf sogenannte pflegefremde und patientenferne Tätigkeiten entfällt: rund 2:10 Stunden pro Pflegekraft und Arbeitstag – etwa 28 % der gesamten Arbeitszeit. Davon entfallen allein rund 20 % auf Dokumentation und Verwaltung, der Rest auf Hol- und Bringedienste, Logistik und Reinigung. Eine neuere Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik aus dem Jahr 2023 hat allein die Dokumentationszeit sensorbasiert nachgemessen: 23,6 % der wöchentlichen Arbeitszeit, gut 9 Stunden pro Woche – fast doppelt so viel, wie die Pflegekräfte selbst schätzten.
Die Überschlagsrechnung
In Deutschlands Krankenhäusern arbeiten aktuell rund 714.000 Pflegefachpersonen. Legt man nur den vorsichtigeren Wert von 20 % pflegefremder Arbeitszeit zugrunde, entspricht das rechnerisch der Arbeitskraft von etwa 143.000 Vollzeit-Pflegekräften, die aktuell mit Aufgaben verbringen, die nicht ihr eigentlicher Beruf sind. Legt man die 28 % aus der DKI-Studie zugrunde, sind es sogar rund 200.000.
Überträgt man diesen Zeitanteil – vorsichtig und unter Vorbehalt – auf alle rund 1,72 Millionen beruflich Pflegenden in Deutschland (Krankenhaus, Alten- und ambulante Pflege zusammen), ergibt sich eine rechnerisch "frei werdende" Kapazität von 344.000 bis 482.000 Vollzeitkräften – ohne dass eine einzige Person zusätzlich ausgebildet oder angeworben werden müsste.
Zum Vergleich: Prognosen gehen für das Jahr 2034 von einer Fachkräftelücke in der Pflege zwischen 90.000 (Best Case) und 350.000 (Status quo) aus. Allein durch die konsequente Entlastung von pflegefremden Aufgaben ließe sich rechnerisch fast die gesamte für 2034 prognostizierte Lücke im Status-quo-Szenario schließen.
Eine Zahl, die zum Nachdenken zwingen sollte
Das ist – ausdrücklich – nur mal so kurz überschlagen. Die zugrunde liegende DKI-Studie stammt aus dem Jahr 2002 und bezieht sich nur auf Krankenhäuser; ob sich der Zeitanteil eins zu eins auf Alten- und ambulante Pflege übertragen lässt, ist nicht validiert – dort dürfte der Dokumentations- und Verwaltungsaufwand eher noch höher liegen. Auch sagt die Rechnung nichts darüber aus, wer die wegfallenden Aufgaben stattdessen übernehmen müsste, und sie rechnet in Köpfen statt in tatsächlichen Vollzeitäquivalenten. Eine wirklich belastbare, tiefergehende Berechnung mit aktuellen, sektorspezifischen Daten würde vermutlich zu noch deutlich erschreckenderen Zahlen und Tatsachen führen, als diese grobe Milchmädchenrechnung es hier schon andeutet.
Sources:
Pflegefremde/patientenferne Tätigkeiten im Pflegedienst der Krankenhäuser – DKI
Klinikpflegekräfte verwenden 23,6 % ihrer Wochenarbeitszeit für Dokumentation – Forum Gesundheitspolitik / Fraunhofer IML
1. Deutscher Pflegetag 2025 – Factsheet Pflege in Deutschland
Geschätzte Anzahl an fehlenden Pflegekräften in Deutschland – Statista
